DAS PROJEKT

Jean-Baptiste Lesueur (1794-1826). „Le Divorce“ (1795-1801). Paris, Musée Carnavalet.

„Le Divorce“ von Jean-Baptiste Lesueur zeigt ein junges Paar, durchaus wohlhabend, vor dem Richter. Ihre Ehe ist gescheitert, wie uns die Legende informiert; sie sind vor Gericht erschienen um sich scheiden zu lassen. Kinder, das in Büchern abgebildete gemeinsame Vermögen, neue Partner*innen – Lesueur bildet symbolisch ab, was in diesem Moment auf dem Spiel steht. Gleichzeitig weist der Maler auf einen häufig wenig beachteten Fakt hin: Eine Ehescheidung war auch für Paare in der Vergangenheit eine Option – selbst in katholischen Gebieten wie Frankreich oder Österreich.

Gern gesehen war die Scheidung von offizieller Seite aber nicht, wie auch „Le Divorce“ andeutet. Der Richter hatte in einem Scheidungsverfahren den gesetzlichen Auftrag, eine Trennung wenn möglich zu verhindern. Dies gelang in der Praxis zwar nur in einer Minderheit der Fälle, Lesueur zeigt aber genau einen solchen Moment: Durchaus symptomatisch für den Diskurs um 1800, gelingt es dem über dem Paar trohnenden „guten Richter“, die entzweiten Ehegatten mit Appellen an ihre Vernunft und ihr Gewissen zu versöhnen. Ehefrau, Ehemann und Kind werden wieder zu einer harmonischen Familie vereinigt; die Nebenbuhler*innen müssen weichen.

Damit bleibt offen, wie der weitere Lebensweg dieses Paares ausgesehen hätte, wenn sie auf ihrer Scheidung bestanden hätten. Wie geschiedene Frauen und Männer „nach der Scheidung“ lebten, wurde auch von der Forschung bisher wenig untersucht. Genau an diesem Punkt, den Lebenswirklichkeiten von geschiedenen Ehepaaren, setzt das Projekt an.

Josef Weidner (1801-1871). „Frau Katharina Waldmüller“ (vor 1850). Österreichische Galerie Belvedere. Die Mezzosopranistin ließ sich 1834 von ihrem Ehegatten, dem bekannten Maler Ferdinand Georg Waldmüller, scheiden. Ihr Bruder Josef fertigte in den darauffolgenden Jahren dieses Portrait an, welches ihre Religiosität und ihren Wohlstand ins Zentrum rückte.

„Nach der Scheidung“, finanziert vom FWF (PAT3520624) und angesiedelt am Institut für Geschichte der Universität Wien, untersucht am Beispiel des Erzherzogtums Österreich unter der Enns – heute Wien und Niederösterreich – wie die Lebensrealitäten von Frauen und Männer aussahen, deren Ehe zwischen 1750 und 1850 von Tisch und Bett geschieden wurde. Wo wohnten sie nach der Scheidung – in einer eigenen Wohnung, bei Eltern oder Kindern, bei Arbeitgeber*innen? Wechselten sie ihren Beruf oder setzten sie die Tätigkeit fort, die sie schon während der Ehe ausgeübt hatten? Gingen sie neue Partnerschaften ein? Wie gestaltete sich die weitere Beziehung des geschiedenen Paars? Hielten sie sich an das gerichtliche Urteil bzw. an die Vereinbarungen des Scheidungsvergleiches, oder mussten sie Regelungen zum Unterhalt, zur Vermögensteilung oder der Obsorge der Kinder gerichtlich einklagen? Und nicht zuletzt interessiert uns, an wen geschiedene Frauen und Männer ihr Vermögen am Lebensende vermachten.

Zur Beantwortung dieser Forschungsfragen werden rund 50 Ehepaare ausgewählt, deren Ehe zwischen 1750 und 1850 geschieden wurde. Zu diesen Frauen und Männern recherchieren wir in verschiedenen Archiven historische Quellen wie Eheverträge, Gerichtsprotokolle, Testamente oder die Akten von Verlassenschaftsverfahren, welche wir in Relation zueinander analysieren werden. Ein besonderes Anliegen ist es, die geschiedenen Frauen und Männer auch sozial zu verorten. Faktoren wie Alter, Geschlecht, soziale Herkunft und Wohnort, aber auch allfällige Kinder – aus vorangegangenen Beziehungen und aus der geschiedenen Ehe – werden berücksichtigt. 

Barbara Krafft (1764-1825). „Bildnis Marie Ernestine Gräfin Esterhazy-Starhemberg“ (frühe 1770er-Jahre). In Privatbesitz. Nach einem öffentlich bekannt gewordenen Ehebruch bestand der Gatte Maria Ernestines  1778 auf einer Scheidung. Das Paar versöhnte sich in späten Jahren.

Auch wenn Scheidung im 18. und 19. Jahrhundert kein Massenphänomen darstellte: Sie war eine Möglichkeit, die von allen sozialen Schichten genützt wurde. Die Untersuchung des Lebens geschiedener Frauen und Männer zwischen 1750 und 1850, einem Zeitraum, in welchem viele Grundlagen des heutigen Ehe- und Familienrechts geschaffen wurden, ist außerdem sowohl aus Sicht der Geschichte der Ehe und Familie wie auch der Geschlechterordnung von besonderer Bedeutung. Die Portraits von Gräfin Marie Ernestine von Esterhazy-Starhemberg und der Opernsängerin Katharina Waldmüller zeigen vergleichsweise prominente Geschiedene aus der Oberschicht; sie müssen stellvertretend für die vielen Frauen und Männer aus allen Gesellschaftsgruppen stehen, deren Aussehen uns unbekannt ist, die als Geschiedene aber ebenfalls Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Das Aufspüren von und die Analyse dieser Spuren ist die Aufgabe von „Nach der Scheidung“. 

Magdalena Irnstötter, Februar 2025